2009
Mittwoch, 31. Dezember 2008 15:10
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Dienstag, 9. Dezember 2008 23:12
Ein Mann mit langem grauen Bart in Hightech-Outdoorbekleidung auf einem Mountainbike fährt morgens an mir vorbei. In seinem Fahrtwind atme ich einen Hauch Himalaya.
“Auch wenn Du alle Worte der Welt zu mir gesagt hättest, ich hätte nie, nie, nie etwas erwidert.”
Ich halte mich an der oberen Haltestange im vollen Bus fest. Als der Wagen sich in die Kurve legt, fühle ich mich für einen Moment wie ein Surfer auf einem Surfbrett.
Ich beiße in eine Frucht, die süß und saftig aussieht. Sie schmeckt trocken, alt und bitter.
Morgens unvermittelt Tränen der Rührung.
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Mittwoch, 19. November 2008 12:58
Draußen war es bereits dunkel geworden. Ich brach mir noch etwas vom Baumkuchen ab, naschte im Vorbeigehen vom Karpfen und schenkte mir Glühwein nach. Versonnen ging ich zum niedrigen kleinen Butzenfenster, bückte mich ein wenig und blickte zufrieden aus der Kate in den dunklen Hof, zu dem beleuchteten Tannenbaum. Die Ungewissheit blieb, allein, man musste ihr ja nicht alles kampflos überlassen oder ihr gar huldigen. Eine elektrische Kerze war kaputt, ich würde sie morgen auswechseln.
Ich war oft bei Dir und hielt Dir die Hand, trunken von Deiner Anmut wanderte ich des Nachts zu meinem Hause und sank unendlich leicht in meine Kissen nieder.
Ein kleines Mädchen, welches mit einem Tannenwedel ein U-Bahngebäude entlangwischt.
Ein Mann in der Bahn, Korkenzieherlocken, eine große Hornbrille, ein kariertes, beigefarbenes Jacket, ein grauer Pulli, weißer Polohemdkragen. Beige Cordhose, ein Siegelring mit einem in Gold eingefassten Bernstein. Ein Literat aus Würzburg oder ein Angestellter aus Freiburg. Er könnte 1996 ein Buch verlegt haben mit dem Titel: “Oben auf der Feste traf ich sie im Frühherbstnebel.” Er las interessiert in einer Morgenpost und hatte ein grundsätzlich gutmütiges Gesicht.
Ich ließ mir einen Döner rasieren.
Ich lief gegen Schilder und Türen. Ein Kind schaut seine Mutter an mit einem Blick, der sagen könnte: Wir sind bereits entzweit.
An meinen Händen heute ein mir völlig unbekannter Duft.
Mein Papagei saß müde auf der Stange und schnurrte. Ich schaltete den Fernseher ein, um die tagesthemen zu schauen. Das Schiff schaukelte sanft. Der Nachrichtensprecher berichtete von einem bombardierten Kernkraftwerk.
“Das hat mir so die Laune verdorben.”
Ich balancierte auf den hinteren Beinen meines Schreibtischstuhls, blickte aus den Fenstern über den Bosporus, kaute an meiner Zigarre und summte kaum vernehmbar ein fröhliches Medley vor mich hin. Dann ließ ich das Zimmermädchen kommen.
Kaufst Du Dir auch eine Fahrkarte, Du bleibst doch Schwarzfahrer und blinder Passagier.
Jeder Tag mit Gott ist ein Festtag.
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Sonntag, 9. November 2008 19:34
In der Pastelaria Mococo tanzten die Stammgäste seit Stunden, der Wirt feierte nämlich seinen Geburtstag.
Auf der Theke standen einige schwarze Porzellanhähne mit feuerroten Kämmen. Die Chorizo schwitzte in der Auslagetheke vor sich hin und aus der Küche stank es nach verbrannten Fischköpfen. Bald waren alle Weinvorräte aufgebraucht und der Wirt würde in den Keller hinabsteigen müssen, um weiteren Fusel zu holen. Diejenigen, die schon Stunden hier waren, rochen nichts, Neuankömmlinge suchten schnell das Weite.
Es lief keine Musik mehr, sondern ein Radiointerview, jemand war gegen einen Schalter an der Musikanlage gestoßen, doch die Leute tanzten ausgelassen wie zu einem Cha Cha Cha. Ein Mutiger legte sogar einen Stepptanz aufs Parkett.
Der Wirt saß im kleinen Nebenzimmer und las die Anzeigen in der Mopo, auf die Weinflaschen schielend, als ob ihn das alles nichts anginge. Ab und zu nahm er das schnurlose Telefon und wählte wahllos eine Nummer, lauschte, murmelte etwas in den Hörer und legte wieder auf. Seine Frau stand hinter der Theke, schenkte den Wein aus, brach von Zeit zu Zeit ohne ersichtlichen Grund in schallendes Gelächter aus und nickte allen Gästen bestätigend zu. Ab und zu bewarf sie die Tanzenden mit Erdnüssen, die diese begierig aufsammelten und verzehrten.
Vor der Pastelaria auf einer Bank saß alleine ein Student, der vor sich hin faselte und dazu wild gestikulierte. Er hatte seine langen, dünnen Beine weit über den Gehweg gestreckt, sodaß sie von den Passanten zertrampelt wurden, die eilig ihre Wochenendeinkäufe erledigten. Nach einer Weile waren nur noch zwei schmutzige braune Stümpfe zu sehen, die Schuhe waren zu Lumpen zertreten worden. Er dozierte jedoch weiter in diesen wunderschönen, blauen und klaren Novembersamstagmorgen hinein, bis ihn einige Gäste forttrugen und hinter dem Haus im Garten zwischen zwei Buchsbäumen wie einen Strauch einbuddelten. Er redete ununterbrochen weiter und schmatzte zwischendurch selbstzufrieden.
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Donnerstag, 6. November 2008 22:07
Die Momente, in denen Du an deiner Wahrnehmung zweifelst: Das sind die großen Momente Deines Lebens.
Am Kickertisch: Es gibt also Zeitlöcher, in denen die Zeit langsamer verläuft.
Man kann nicht immer nur unschlüssig in den Abgrund blicken. Entweder man springt- oder man dreht sich um und geht.
Ich vergesse ständig, ich muß mich immer wieder erinnern.
Geh mir aus dem Weg.
“Die hat zu viel Gott geguckt.”
Zwei sich anpöbelnde Autofahrer an der Ampel. Passanten, die stehenbleiben und lachen.
Zwei biedere, normale Frauen, Mutter und Tochter. Die Tochter bekommt eine SMS. Sie liest und wendet sich zur Mutter: “Der Lebensgefährte von Anna hat sich beide Arme gebrochen.” Beide gucken sich an und lachen.
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Freitag, 24. Oktober 2008 14:25
Diese Zeiten sind düster, wer wollte das bestreiten? Woher rührt mein Lächeln, meine Freude? Sicher nicht aus dieser Welt. Wer diese Zeiten als edel, spaßig und glamourös emfindet, hat entweder Hornhaut, eine verschnupfte Nase oder Geld. Aber war es nicht schon immer so gewesen?
Ich saß in der Bahn und klopfte mit meiner Hand einen simplen Takt auf dem Nebensitz. Bum Bum Bum. Dance to the Beats of Silence. Eine ältere Dame machte Anstalten sich zu setzen. Ich beendete die Musik, machte Platz und nun war Stille. Abgesehen von einem Mobilfunktelefonat, dem Kreischen der Bahn und mehreren quäkenden Kopfhöhrern. Die angeschlossenen Menschen saßen reglos da, starrend, während die Töne in ihre Ohren gehämmert wurden.
Mein täglicher Lieblingsaufreger sind die Leute, die sich auf dem Vordersten der Sitzbänke niederlassen, um den Nebenplatz zu blockieren, selbst bei Berufsverkehr und voller Bahn. Oder durchrücken, aber den Platz neben sich mit diversen Plastiktüten vollstellen. Widerwillig räumen sie diese weg, macht man Anstalten sich zu setzen. Eine tiefe, nutzlose, innere Wut hege ich auf dieses Verhalten, und sie wird täglich aufs neue angeheizt. Es ist nicht Rücksichtslosigkeit oder Mutwilligkeit, es ist einfach Stumpfheit. Und vielleicht noch nicht einmal das. Genausowenig verstehe ich die Personen, die im Gang stehen bleiben, anstatt Anspruch auf eben diesen freien Sitzplatz anzumelden. Wie wenig ist man sich wert, daß man nicht einmal sein Recht auf einen Sitzplatz einfordert? Manchmal frage mich jedoch, ob ich nicht verquer bin und diese Dinge völlig vernünftig geregelt werden, vor Ort.
Gestern las ich, daß die Fahrkartenkontrolleure ein Minusgeschäft für den Hamburger Nahverkehrsverbund seien. Ich bin immer wieder phasenweise schwarzgefahren in Hamburg, ich schätze ich wurde in 10 jahren ungefähr vier Mal erwischt. Das letzte Mal ist nicht lange her, vor einigen Monaten. Ich hatte mir eigentlich angewöhnt, Tickets zu kaufen, weil es sich entspannter fährt, an diesem Tag war ich allerdings in einer Trance und war völlig überrascht, als uniformierte Kontrolleure einstiegen. Ich stand auf und wollte aussteigen, sie hielten mich zurück. Auf dem Bahnsteig umzingelten sie mich, ich versuchte auszubrechen. Es war absurd. Ich schimpfte. Ich fühlte mich um Jahre verjüngt. Leute starrten mich an im Vorbeigehen.
Ich fahre jetzt seit über zehn Jahren S- und U- Bahn und bin doch kein Profi geworden.
Meine Blicke schweifen durchs Abteil, betrete ich einen Wagen. Ich sehe Menschen, die wie Welten auf mich wirken, die Oberfläche ihrer Körper, das, was sie der Außenwelt präsentieren müssen oder wollen, sind sie auch noch so herausgeschmückt, einbalsamiert und parfümiert. Eine einzige namenlose und endlose Erzählung, Lieder und Gedichte lassen sich an ihnen ablesen wie von selbst. Eine unheilbare und namenlose Krankheit. Die Luft, die wir teilen, das Licht des Tages, welches uns Namen, Form und Grenzen zuweist. Von den Gerüchen ganz zu schweigen. Ohne mein Zutun stellen sich Bilder und Gefühle ein, als wäre ich ein Seismograph.
Die meisten Mitinsassen wirken profihaft in ihrer Selbstbezogenheit, jegliche Neugierde an den Mitfahrern scheint vergangen. Oder ist es ein Schutz vor ihren lautlosen Erzählungen? Eine stille Übereinkunft gar? Wie lange fahren sie schon? Dreißig, vierzig, fünfzig Jahre? So alt sind manche von Ihnen noch nicht. Und wieder Zweifel an meiner Wahrnehmung. Es scheint ja in diesen Zeiten so zu sein, daß man beständig an seiner Wahrnehmung zweifelt. Ist das wirklich gerade dagewesen?
Neulich beim Bahnfahren fiel mir auf, dass ich hoffte, nur wußte ich nicht, auf was. Allein, die Hoffnung hing wie eine alte Quitte im Herbst im Raum meines Bewußtseins, ohne Ziel pulsierte sie warm und träge vor sich hin, traurig, dass sie kein Objekt hatte und wie wartend auf ihre Auslöschung.
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Sonntag, 19. Oktober 2008 18:30
Im Frühherbst lag ein Kürbis in meiner Küche. Er war von einem leuchtenden orange-rot und eher von der Form eines schiefen Eies als ballrund.
Ich saß in meiner Wohnstube, es regnete hinein, ich ging hinaus. Frauen schimpften mit ihren Kindern, es tummelten sich Männer in Anzügen und hübsche Mädchen galoppierten mit Reiterstiefeln die Straßen hinauf und hinab, angespornt von verpanschtem Latte Macchiato und Filterzigaretten. Es war offensichtlich, wir waren noch in der Krise und es stand auch in den Zeitungen.
Später brachte ich den Müll hinunter, spülte, brachte das Altpapier hinaus, Dabei fiel mir auf, daß ich ein normaler, winziger Wicht war. Ich war froh darüber. Manchmal brach die Ewigkeit über mich herein, sicherlich.
Ich schaute den Kürbis an. Momente der Ernüchterung sind weitaus kostbarer als jedwede Euphorie, soviel wußte ich.
Ich schaute wieder zum Kürbis. Er lächelte mir zu, ganz so, wie mir damals auf Sylt der Mond zugelächelt hatte, als mich alles verlassen hatte und ich Nachts hinausging und ihn fragte, ob es gut sei. Er hatte milde gelächelt. Eine derartige Bestätigung war mir noch nie widerfahren.
Und nun, gut 6 Jahre später: Ein Einverständnis zwischen mir und einem Kürbis, der mir nicht gehörte und in meiner Küche entweder aufs Vergammeln oder auf den weiteren Werdegang als Kürbissuppe wartete. Nun, mir sollte es recht sein. Ich blickte erneut schüchtern zu ihm herüber.
Er war nun wieder einfach nur Kürbis.
Vergangenen Samstag hatte ich auf dem Wochenmarkt viele verschiedene Kürbisse gesehen, sie sahen aus wie UFOS, wie Supernovas. Teilweise auch einfach wie größere Birnen. Es ist schön, wie jede Jahreszeit ihre Wesen hervorbringt, die sie so gut beschreiben. Betrachte ich sie still, durchzieht mich eine ruhige Feierlichkeit und eine Dankbarkeit. Durch Erscheinungen wie Grünkohl, Spargel, Kürbis, Bohnen, Erdbeeren und saisonal bedingte Fischschwärme (Stint) bekomme ich ein Gespür für das Jahr jenseits vom Kalender.
Am nächsten Abend, als ich von der Arbeit kam, war der Kürbis verschwunden. Ich rief meine Freundin an, ob sie ihn abgeholt hatte und sie lud mich prompt zur Kürbissuppe ein.
Versonnen blickten wir später in die Leere des Topfes. Ach, ich möchte alles versäumen.
Als kleiner Junge dachte ich, “e.V.”, “eingetragener Verein”, bedeutet “evangelisch”. Bei “Made in Germany” auf den Spielzeugautos begann mein Herz zu klopfen und ich dachte an Wikinger. Ich spielte im Sommer stundenlang Soldat, mit freiem Oberkörper, mit roter Tusche bemalt und Plastikmaschinengewehr. Ich spielte Soldat? Nein, ich war Soldat. Ich warf einem Nachbarsmädchen einen Maiskolben an den Kopf, als wäre es eine Handgranate. Ich verlor jegliches Gefühl für die Zeit in den Feldern und im Laufgraben hinter meinem Elternhaus und bemerkte es nicht einmal. Angeblich klaute ich die Gewichte des Kleinwarenladens im Dorf, aber daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich hatte Heimweh. Danny aus der Schmuddelvilla neben der Schlachterei spielte auf der Straße mit einem Igel Fußball.
Der nächste Kürbis, der in meiner Küche lag, war mannshoch. Ich höhlte ihn aus, weckte das Kürbisfleisch ein, recherierte nach Bauplänen für Zeitmaschinen, besorgte mir die nötigen Zutaten auf Schrottplätzen und im Elektronikfachmarkt und nutzte ihn als Kürbiszeitmaschine.
Meine Jungfernfahrt führte mich in die nahe Zukunft. Dabei wäre es genauso interessant gewesen zu schauen, wie es jetzt in der Vergangenheit ausschauen würde, aus der Zukunft betrachtet. Ich stieg aus der Maschine, es waren wenige Jahre vergangen, alles wirkte leichter und sanfter, leiser und langsamer. Die Kleidung hatte keinerlei Label, man sah klare, schlichte Farbgebungen und Schuhe, die sich bei jedem Schritt sowohl von der Farbe als auch von der Form der Umgebung anpassten und sich veränderten.
Ich stieg jedoch schnell wieder ein, diese Schwingung war zuviel für mich, ich konnte sie nicht lange ertragen, mein Körper vibrierte, ich bekam Kopfschmerzen und mir wurde übel. Zurückgekehrt spürte ich die gewohnte Schwere der gegenwärtigen Zeit. Ich ging sofort auf die Toilette und erbrach mich.
Ich zerlegte die Zeitmaschine und entsorgte sie im Hausmüll. Die gegenwärtige Verfassung meines Organismus war offensichtlich nicht dafür geschaffen, in zukünftigen oder vergangenen Szenarios zu funktionieren. So groß die Neugier auch war, ich wollte mir größere Qualen ersparen.
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Samstag, 4. Oktober 2008 12:06
Ich war am Strand, meine Haare waren während der Monate hier sehr lang gewachsen, Schnecken hatten sich in ihnen eingenistet, ich war von ihrem Schleim überzogen und konnte kaum noch etwas sehen. Ich lag an einen Felsen gelehnt und ließ den Schleim trocknen, um ihn dann abzubröseln. Den Schnecken war es zu warm, sie platzten in der Sonne. Ihr Knacken war das einzige Geräusch abgesehen vom Plätschern der Wellen. Ich rannte ins Wasser und spülte mich ab.
Dann kraxelte ich den Hügel hinauf zum International Man. Er wohnte etwas abgelegen vom Rest der Campingplatzes in einem kleinen Wohnwagen, der bald vollständig zugewachsen sein würde, er hatte ein Vorzelt aus Tarnnetzen aufgebaut. Darunter stand ein Grill, dessen Rost so fettig und dick wie ein Steak war, und unzählige leere Carlsbergflaschen lagen herum. Ich trat zur Tür, die bereits mehrmals aufgebrochen worden war (Hatte er seinen Schlüssel nicht gefunden, oder waren es Einbrecher gewesen? Er behauptete, es wären Bierdiebe.), wollte gerade ansetzen zu klopfen, da kam er zur Türe hinausgewankt, mit einem Carlsberg in der Hand. Hello! rief er, und zeigte mir sein breites Grinsen. Er sah aus wie Brad Pitts großer, erfolgloser Bruder. Wir umarmten uns. Der International Man gehörte zu der Künstlergruppe The Falcons, er hatte in jeder Stadt auf der ganzen Welt eine Frau, die auf ihn wartete und eines oder mehrere seiner unzähligen Kinder hütete. Nun hatte er sich hierher zurückgezogen, um sich totzusaufen. Er ging zurück in den Camper, um mir ein Bier zu holen. Ich blickte durchs Tarnnetz gen Strand. In die weichen Wolkenberge ergoß sich warmes Spätsommerlicht und gab der Landschaft eine unendliche Milde. Ein eiskaltes, benetztes Bier schob sich in mein Blickfeld, dann das fette Grinsen vom Grinserman himself, und zuletzt sein kalter, stinkender Atem. Wir stießen an.
Was machte ich hier eigentlich? Mein Leben war doch kein gottverdammter Roadmovie. Wir tranken das Bier und lachten. Wir saßen auf seinen dreibeinigen Campingklappstühlen, sahen den Sonnenuntergang, der mir Tränen in die Augen trieb. Ich blickte zum International Man. Er döste vor sich hin. Sonnenuntergänge sind Peanuts, würde er sicher sagen. Spät verabschiedete ich mich. Wir umarmten uns. Er küsste mich auf die Wange. Ein Kuß, den ich noch Jahrzehnte später spüren konnte.
Am nächsten Morgen packte ich früh mein Fahrrad, schnallte meinen Fahrradhelm auf und fuhr gen Ausgang, um mich abzumelden und zu bezahlen. Es reichte. Der International Man saß jedoch bereits am Tisch vor dem Kiosk, mit einem Carlsberg. Ich rief ihm ein Goodbye zu und lächelte. Ich hatte nicht erwartet, daß wir uns noch einmal begegnen würden. Er sagte nur: “Take of that helmet, it looks stupid.”
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Dienstag, 23. September 2008 11:37
Karla verließ das Gebäude gegen 13.30 Uhr. Karl folgte ihr. Draußen fuhren drei schwarze Limousinen langsam vorbei. Bei der Letzteren öffnete sich das hintere Wagenfenster, ein schlanker Lauf schob sich hinaus, es knallte kurz und kaum vernehmbar, Karla sackte zusammen. “Dahinter steckt bestimmt wieder der Springer-Verlag!” rief Karl aus und kniete sich neben sie. Schnell waren die Fotographen aus aller Welt da und fotographierten. Karl und Karla verdienten ein Vermögen mit der ganzen Sache.
Am Wochende fuhren Karl und Karla immer aufs Land zu ihrer Großmutter. Eigentlich müsste sie Kleinmutter heißen, denn sie war sehr klein. Aber nur von der Körpergröße her, ansonsten war sie weder kleinlich noch kleinlaut.
Tick, Tick und Track, die drei Neffen von Donald Duck, Erzfeind von Gustav Gans, waren auch zugegen. Sie schliefen in der Gästekammer unter dem Dach. Zum Willkommen kochte der Knecht ein Gulasch für alle. “Na, was gibts denn Neues aus der großen Stadt?” fragte die Großmutter. Sie wollte immer alles wissen, was so geschah, hörte dann aber kaum zu, da sie selber so viel zu erzählen hatte. ” Ach, begann Karl, “Karla ist neulich erschossen worden, auf offener Straße. Es steckt wohl entweder der Springer-Verlag dahinter oder die Hexe Gundel Gaukeley.”"Aha.” sagte das Mütterchen und goß allen die dritte Tasse Filterkaffee ein (Karl hatte schon nach der ersten Schweißausbrüche und unregelmäßigen Herzschlag registriert) und legte jedem ungefragt Bienenstich nach.
Abends kam der Nachbar Claus Behrenthal zum Tee. Er unterrichtete Mathe, Physik und Sexualkunde an der örtlichen Grundschule, so erzählte er zumindest immer. Am nächsten Morgen begleitete Karla ihn zum Unterricht. Sie überlegte, auf Lehramt Handarbeit und Latein zu studieren und wollte sich einmal eine Unterrichtsstunde bei Herrn Behrenthal anschauen. Doch Herr Behrenthal fuhr anstatt zur Schule in einen einsamen Waldweg. Sie schlugen sich etwa drei Stunden durch das Dickicht, bis sie auf eine große Lichtung kamen. Die Tiere des Waldes waren dort versammelt, sie warteten bereits neugierig auf ihren Lehrer. Herr Behrenthal unterrichtete sie zunächst im Tannenzäpfchenzählen und in Sexualkunde, dann plötzlich rief er: “Wollt ihr den totalen Irrtum?” Die Tiere krächzten und röhrten, fiepsten, bellten und maunzten freudig ihre Zustimmung. Karla war recht beeindruckt. Sie glaubte, ihren Traumberuf nun endlich gefunden zu haben. “Danke!” sagte sie am Ende des Unterrichts zu Herrn Behrenthal und warf sich ihm um den Hals. “Gemach, Gemach.” sagte dieser. “Ich habe halt einfach die richtigen Schüler für mich gefunden. Doch dieses ist ein langer und beschwerlicher Weg.” “Bitte zeigen sie es mir!” sagte Karla ungeduldig. “Okay.” sagte Herr Behrenthal. Sie gingen zu seinem Wagen zurück.
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Freitag, 19. September 2008 12:42
Der Kaffee am Morgen ist für manche Menschen Zeichen und Ritual des Tagesbeginns, für ihn bedeutet er Höhepunkt und gleichzeitig Ende des Tages. Danach sinkt er in sich zusammen und versackt in der Hiflosigkeit des Wohlgefallens. Er wundert sich nur kurz, dass es überall draußen so hell und laut ist, dann lässt er ab, und zu.
Eine lose Gruppe mehr oder weniger junger Leute, die alle hier in den Straßen wohnen und sich unregelmäßig begegnen, dabei folgen sie keiner Vereinbarung, an manchen Tagen trifft man Einen von ihnen, an manchen Tagen alle an einem Tisch, lesend, redend, rauchend. Die angehende Lehrerin, die früh am Morgen redet und raucht. Der Schreiber, oft alleine, Schiebermütze und Collegeblock.
Ein Anderer trägt meist schwarz, sitzt mit den unterschiedlichsten Gruppen am Tisch und trinkt Kaffee, am Tag dürfte er dabei auf mindestens 10 Tassen kommen. Manchmal sieht man ihn Nachmittags alleine auf seinem Mountainbike langsam durchs Viertel rollen, wie wartend auf den nächsten Morgenkaffee.
Und er sackt tiefer hinein und dann: Lass mich ruhig ausbluten.
Das Radio dudelt aus Plastiklautsprechen die unerträglich gewordenen Coldplay, dem Mann schiebt sich sein speckiger, behaarter Wanst unter dem Shirt hervor, kauend liest er die Morgenpost, ein Stück Tomate fällt auf sein Shirt. Draußen das Wetter, schon zwischen Sommer und Herbst.
Es gibt Orte, direkt nebenan, neben den lichten Plätzen, meist im Dunklen, keine Lampe scheint hell genug, um sie auszuleuchten, und so bleiben Fragmente, Ausschnitte, nie das ganze Bild. Dazu verändern sich diese Orte- Attribute, die sie umso interessanter machen. Es sind genau genommen keine Orte, sondern Wucherungen, die vor sich hin mäandern.
Um die Ecke, hinter der alten Feuerwache, gibt es eine Tankstelle, die scheinbar immer im Dunkeln liegt. Es gibt dort ein Gassenviertel, deren Gänge so eng und dunkel sind, das man nur gebückt und seitlich hindurchgehen kann, am Ende öffnet sich alles, direkt vor dem Wasser und dem Bootsanleger. Plötzlich ist alles hell und die Sonne gibt dem Wasser eine goldene Farbe und beleuchtet die Schwermut.
Rothschild führte mich durch seine Altenheimanlage. Er versicherte mir, die Roboter seien sozialer, gründlicher und zuverlässiger als menschliches Pflegepersonal. Er hätte sie eingesetzt, als offensichtlich wurde, daß immer weniger Menschen bereit waren, für das ausgesetzte Gehalt diesen Job zu tun. Und die Alten merkten es angeblich nicht.
Rothschild versprach mir, er würde mich zum Herzen führen, zum Kern dessen, worum es in der Welt ginge, und alle meine Fragen sollten sich unbeantwortet auflösen. Ich war neugierig. An das Bild vom Esel und der Karotte dachte ich dabei nicht.
Ich saß beim Portugiesen mit ihm. Er war lange nicht mehr unterm Fußvolk gewesen, hustete ob der schlechten Luft hier im Viertel, beim Berühren des Kaffeeglases bekam er augenblicklich Ausschlag auf der Stirn und seine Lunge pfiff. Seine hauchdünne, feine Kleidung zerfiel in diesem rauhen Klima. Er ertrug die Welt nicht mehr.
Uns gegenüber saß ein Mann in einem schwarzen Poloshirt, er trug eine wuchtige goldene U-Boot Uhr und eine Panzerfahrerbrille aus Titanstahl. Ich blickte unvermittelt auf seine Füße. Sie steckten in Sandalen mit feinen Lederriemchen und dünnen Sohlen. Sein linker Fuß wies sechs Zehen auf, ich zählte mehrmals nach. Er war Rothschilds Steuermann, auch ein Robot, wie die übrigen Angestellten.
Am nächsten Morgen trafen wir uns früh im Binnenhafen. Er lag dort mit seinem U- Boot vor Anker und benutzte es als Hausboot. Er hatte auf die mattgraue Beschichtung einen Sandhaufen schütten lassen, ein Beet angelegt und Gemüse ausgesät. Der schweigsame Robot lag in der Sonne auf einer Liege und schlief (?). Ein Panzer, der in der Nähe auf dem alten Güterbahnhof stand, diente Rothschild als Atelier.
“Kommen Sie.” forderte er mich auf, und ich kletterte umständlich ins Innere des Panzers. Von außen hatte er recht kompakt ausgesehen, im Inneren war ich erstaunt, wie geräumig er war. Rothschild malte momentan ausschließlich in schwarz, weiß und einem zarten rosa. Seine Bilder waren ausgezeichnet.
Dann verabschiede ich mich, nachdem wir die Formalitäten geklärt hatten, nicht ohne ein kleinformatiges Bild in meiner Jacketttasche verschwinden zu lassen. Etwas, was sich später als grober Fehler herausstellen sollte.
Nachts träume ich: Ich fahre mit meinem Vater in einem Auto an dem verlassenen Stadtviertel vorbei. Keine Menschenseele, dennoch ahne ich ganz deutlich die Geisterseelen im dunklen Inneren der Gebäude. Ein starkes Unwohlsein und die Ahnung von absoluter, immerwährender Einsamkeit. Und gleichzeitig: Diese Gegend ist verflucht und tot, und zwar schon sehr lange.
Am nächsten Morgen blicke ich aus dem Fenster: Es ist fast unmerklich Herbst geworden.
Später stehen wir einträchtig beisammen, oben, auf der alten Mühle, und blicken über die Ebene, es wird langsam dunkel, die Schafe, träge auf der Weide und dieser weite Himmel, mir bleibt fast das Herz stehen und meiner charmanten Begleitung geht es sicherlich ähnlich. Wäre es ein Film, hier würde er enden.
(Ich bin eine Gabel mit tausend Zinken, von denen nur einer echt ist. Ein Lied aus dunklen Gerüchen, die Deine Nase nicht riechen kann, komponiert von einem geschlechtslosen Melancholiker auf Rumkugeln. Ein Schild ohne Text, ein Buch ohne Ende, ohne Anfang, ich bin völlig unmöglich, blind, hellhörig, eine Mühle mit nur einem Flügel, ein Laden ohne Öffnungszeiten, ein Berliner ohne Füllung. Ich weiß zuwenig und tue zu viel, oder umgekehrt.)
Wir gehen vorsichtig die brüchige Holztreppe hinab und steigen in den Maserati. Ich gebe ihr einen Kuß, bevor ich die Maschine starte.
Im nahegelegenen Örtchen mieten wir uns in einem Hotel ein. Beim Blick aus den riesigen Fenstern über den Fluß bleibt uns abermals die Luft weg. Das Frühstück ist einfach, aber gut. Ob Rothschild uns schon auf den Fersen ist? Mein Jackett ist versaut, die Farbe war noch nicht trocken.
(Fortsetzung folgt)
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