Beiträge vom September, 2008

Karl und Karla

Dienstag, 23. September 2008 11:37

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Karla verließ das Gebäude gegen 13.30 Uhr. Karl folgte ihr. Draußen fuhren drei schwarze Limousinen langsam vorbei. Bei der Letzteren öffnete sich das hintere Wagenfenster, ein schlanker Lauf schob sich hinaus, es knallte kurz und kaum vernehmbar, Karla sackte zusammen. “Dahinter steckt bestimmt wieder der Springer-Verlag!” rief Karl aus und kniete sich neben sie. Schnell waren die Fotographen aus aller Welt da und fotographierten. Karl und Karla verdienten ein Vermögen mit der ganzen Sache.
Am Wochende fuhren Karl und Karla immer aufs Land zu ihrer Großmutter. Eigentlich müsste sie Kleinmutter heißen, denn sie war sehr klein. Aber nur von der Körpergröße her, ansonsten war sie weder kleinlich noch kleinlaut.
Tick, Tick und Track, die drei Neffen von Donald Duck, Erzfeind von Gustav Gans, waren auch zugegen. Sie schliefen in der Gästekammer unter dem Dach. Zum Willkommen kochte der Knecht ein Gulasch für alle. “Na, was gibts denn Neues aus der großen Stadt?” fragte die Großmutter. Sie wollte immer alles wissen, was so geschah, hörte dann aber kaum zu, da sie selber so viel zu erzählen hatte. ” Ach, begann Karl, “Karla ist neulich erschossen worden, auf offener Straße. Es steckt wohl entweder der Springer-Verlag dahinter oder die Hexe Gundel Gaukeley.”"Aha.” sagte das Mütterchen und goß allen die dritte Tasse Filterkaffee ein (Karl hatte schon nach der ersten Schweißausbrüche und unregelmäßigen Herzschlag registriert) und legte jedem ungefragt Bienenstich nach.
Abends kam der Nachbar Claus Behrenthal zum Tee. Er unterrichtete Mathe, Physik und Sexualkunde an der örtlichen Grundschule, so erzählte er zumindest immer. Am nächsten Morgen begleitete Karla ihn zum Unterricht. Sie überlegte, auf Lehramt Handarbeit und Latein zu studieren und wollte sich einmal eine Unterrichtsstunde bei Herrn Behrenthal anschauen. Doch Herr Behrenthal fuhr anstatt zur Schule in einen einsamen Waldweg. Sie schlugen sich etwa drei Stunden durch das Dickicht, bis sie auf eine große Lichtung kamen. Die Tiere des Waldes waren dort versammelt, sie warteten bereits neugierig auf ihren Lehrer. Herr Behrenthal unterrichtete sie zunächst im Tannenzäpfchenzählen und in Sexualkunde, dann plötzlich rief er: “Wollt ihr den totalen Irrtum?” Die Tiere krächzten und röhrten, fiepsten, bellten und maunzten freudig ihre Zustimmung. Karla war recht beeindruckt. Sie glaubte, ihren Traumberuf nun endlich gefunden zu haben. “Danke!” sagte sie am Ende des Unterrichts zu Herrn Behrenthal und warf sich ihm um den Hals. “Gemach, Gemach.” sagte dieser. “Ich habe halt einfach die richtigen Schüler für mich gefunden. Doch dieses ist ein langer und beschwerlicher Weg.” “Bitte zeigen sie es mir!” sagte Karla ungeduldig. “Okay.” sagte Herr Behrenthal. Sie gingen zu seinem Wagen zurück.

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Portugiesenviertel

Freitag, 19. September 2008 12:42

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Der Kaffee am Morgen ist für manche Menschen Zeichen und Ritual des Tagesbeginns, für ihn bedeutet er Höhepunkt und gleichzeitig Ende des Tages. Danach sinkt er in sich zusammen und versackt in der Hiflosigkeit des Wohlgefallens. Er wundert sich nur kurz, dass es überall draußen so hell und laut ist, dann lässt er ab, und zu.
Eine lose Gruppe mehr oder weniger junger Leute, die alle hier in den Straßen wohnen und sich unregelmäßig begegnen, dabei folgen sie keiner Vereinbarung, an manchen Tagen trifft man Einen von ihnen, an manchen Tagen alle an einem Tisch, lesend, redend, rauchend. Die angehende Lehrerin, die früh am Morgen redet und raucht. Der Schreiber, oft alleine, Schiebermütze und Collegeblock.
Ein Anderer trägt meist schwarz, sitzt mit den unterschiedlichsten Gruppen am Tisch und trinkt Kaffee, am Tag dürfte er dabei auf mindestens 10 Tassen kommen. Manchmal sieht man ihn Nachmittags alleine auf seinem Mountainbike langsam durchs Viertel rollen, wie wartend auf den nächsten Morgenkaffee.
Und er sackt tiefer hinein und dann: Lass mich ruhig ausbluten.
Das Radio dudelt aus Plastiklautsprechen die unerträglich gewordenen Coldplay, dem Mann schiebt sich sein speckiger, behaarter Wanst unter dem Shirt hervor, kauend liest er die Morgenpost, ein Stück Tomate fällt auf sein Shirt. Draußen das Wetter, schon zwischen Sommer und Herbst.
Es gibt Orte, direkt nebenan, neben den lichten Plätzen, meist im Dunklen, keine Lampe scheint hell genug, um sie auszuleuchten, und so bleiben Fragmente, Ausschnitte, nie das ganze Bild. Dazu verändern sich diese Orte- Attribute, die sie umso interessanter machen. Es sind genau genommen keine Orte, sondern Wucherungen, die vor sich hin mäandern.
Um die Ecke, hinter der alten Feuerwache, gibt es eine Tankstelle, die scheinbar immer im Dunkeln liegt. Es gibt dort ein Gassenviertel, deren Gänge so eng und dunkel sind, das man nur gebückt und seitlich hindurchgehen kann, am Ende öffnet sich alles, direkt vor dem Wasser und dem Bootsanleger. Plötzlich ist alles hell und die Sonne gibt dem Wasser eine goldene Farbe und beleuchtet die Schwermut.
Rothschild führte mich durch seine Altenheimanlage. Er versicherte mir, die Roboter seien sozialer, gründlicher und zuverlässiger als menschliches Pflegepersonal. Er hätte sie eingesetzt, als offensichtlich wurde, daß immer weniger Menschen bereit waren, für das ausgesetzte Gehalt diesen Job zu tun. Und die Alten merkten es angeblich nicht.
Rothschild versprach mir, er würde mich zum Herzen führen, zum Kern dessen, worum es in der Welt ginge, und alle meine Fragen sollten sich unbeantwortet auflösen. Ich war neugierig. An das Bild vom Esel und der Karotte dachte ich dabei nicht.
Ich saß beim Portugiesen mit ihm. Er war lange nicht mehr unterm Fußvolk gewesen, hustete ob der schlechten Luft hier im Viertel, beim Berühren des Kaffeeglases bekam er augenblicklich Ausschlag auf der Stirn und seine Lunge pfiff. Seine hauchdünne, feine Kleidung zerfiel in diesem rauhen Klima. Er ertrug die Welt nicht mehr.
Uns gegenüber saß ein Mann in einem schwarzen Poloshirt, er trug eine wuchtige goldene U-Boot Uhr und eine Panzerfahrerbrille aus Titanstahl. Ich blickte unvermittelt auf seine Füße. Sie steckten in Sandalen mit feinen Lederriemchen und dünnen Sohlen. Sein linker Fuß wies sechs Zehen auf, ich zählte mehrmals nach. Er war Rothschilds Steuermann, auch ein Robot, wie die übrigen Angestellten.
Am nächsten Morgen trafen wir uns früh im Binnenhafen. Er lag dort mit seinem U- Boot vor Anker und benutzte es als Hausboot. Er hatte auf die mattgraue Beschichtung einen Sandhaufen schütten lassen, ein Beet angelegt und Gemüse ausgesät. Der schweigsame Robot lag in der Sonne auf einer Liege und schlief (?). Ein Panzer, der in der Nähe auf dem alten Güterbahnhof stand, diente Rothschild als Atelier.
“Kommen Sie.” forderte er mich auf, und ich kletterte umständlich ins Innere des Panzers. Von außen hatte er recht kompakt ausgesehen, im Inneren war ich erstaunt, wie geräumig er war. Rothschild malte momentan ausschließlich in schwarz, weiß und einem zarten rosa. Seine Bilder waren ausgezeichnet.
Dann verabschiede ich mich, nachdem wir die Formalitäten geklärt hatten, nicht ohne ein kleinformatiges Bild in meiner Jacketttasche verschwinden zu lassen. Etwas, was sich später als grober Fehler herausstellen sollte.
Nachts träume ich: Ich fahre mit meinem Vater in einem Auto an dem verlassenen Stadtviertel vorbei. Keine Menschenseele, dennoch ahne ich ganz deutlich die Geisterseelen im dunklen Inneren der Gebäude. Ein starkes Unwohlsein und die Ahnung von absoluter, immerwährender Einsamkeit. Und gleichzeitig: Diese Gegend ist verflucht und tot, und zwar schon sehr lange.
Am nächsten Morgen blicke ich aus dem Fenster: Es ist fast unmerklich Herbst geworden.
Später stehen wir einträchtig beisammen, oben, auf der alten Mühle, und blicken über die Ebene, es wird langsam dunkel, die Schafe, träge auf der Weide und dieser weite Himmel, mir bleibt fast das Herz stehen und meiner charmanten Begleitung geht es sicherlich ähnlich. Wäre es ein Film, hier würde er enden.
(Ich bin eine Gabel mit tausend Zinken, von denen nur einer echt ist. Ein Lied aus dunklen Gerüchen, die Deine Nase nicht riechen kann, komponiert von einem geschlechtslosen Melancholiker auf Rumkugeln. Ein Schild ohne Text, ein Buch ohne Ende, ohne Anfang, ich bin völlig unmöglich, blind, hellhörig, eine Mühle mit nur einem Flügel, ein Laden ohne Öffnungszeiten, ein Berliner ohne Füllung. Ich weiß zuwenig und tue zu viel, oder umgekehrt.)
Wir gehen vorsichtig die brüchige Holztreppe hinab und steigen in den Maserati. Ich gebe ihr einen Kuß, bevor ich die Maschine starte.
Im nahegelegenen Örtchen mieten wir uns in einem Hotel ein. Beim Blick aus den riesigen Fenstern über den Fluß bleibt uns abermals die Luft weg. Das Frühstück ist einfach, aber gut. Ob Rothschild uns schon auf den Fersen ist? Mein Jackett ist versaut, die Farbe war noch nicht trocken.
(Fortsetzung folgt)

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Der Grenzgänger

Mittwoch, 10. September 2008 21:00

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Ich schwebe mit geschlossenen Augen durch die Strassen. Ich habe schon immer geschlafen, mein Leben lang. Ich würde niemals wach werden, ich würde mein Leben in diesem süßen Schlummer verbringen. Jemand riet mir einmal: Nutze Deine Wut! Ich sage: Nutze Deinen Schlummer!
Während andere sich striegeln, sich züchtigen, jeden Morgen, sich in Anzüge, Schlipse, Kragen und Korsetts zwängen, lege ich meine weiten, großzügen, leichten Gewänder an, und wandele barfuß umher, streife durchs Hafenviertel, trinke hier und da aus einer Pfütze, esse von den Blättern und Beeren an den Bäumen, nasche auch mal hier und da vom Hundekot, oder trinke halbleere Galaogläschen leer vor den Hafencafes. Schließlich verhaftet man mich, nachdem man mehrfach auf mich eingeredet hat während einiger Tage.
Als ich entlassen werde, hat sich einiges geändert. Ich bin nicht mehr der einzige, der offen dem Müßiggang frönt. Aus mir ist eine Art Idol geworden.
Ich blicke in den Spiegel und schaue in zwei wunderschöne Augenpaare, ich blinzele ihnen zu und sie blinzeln zeitgleich zurück. Ich bin verliebt. Und so tolle ich durch den Frühling, esse die kostbaren rosaweißen Kirschblüten und flirte mit Hunden und streunenden Katzen. Und dann der Sommer, ein endloses Licht der Liebe und Liebkosungen.
Man verhaftet mich ein weiteres Mal, nachdem ich mehrmals Nachts in der Hafencity aufgegriffen wurde. Den genauen Grund für meine Verwahrung erfahre ich nicht. Es ist mir auch egal. Sollen sie doch mit mir machen was sie wollen, ich bin frei. Ich sitze in meiner Zelle und pule Muster in meine Fußnägel. Da erscheint eine Frau. Ich erinnere mich, daß sie eine Brille trägt. Sie beginnt, mir Fragen zu stellen, von denen ich keine Einzige beantworten kann. Langsam geht sie mir wirklich auf die Nerven. Ich schlitze sie mit einem meiner scharfen Fußnägel auf und verspeise sie. Sie schmeckt nach jahrelanger Entbehrung, nach Schmerz, Wut und Trauer. Ihr Fleisch ist zäh. Ich muß weinen. Ich bin immer friedfertig gewesen.
Da ich sie völlig vertilge und man mir nichts nachweisen kann, werde ich abermals entlassen.
Schließlich wird es mir zu bunt, mein Viertel ist zu einem regelrechten Hippieparadies verkommen. Ich nehme einen geregelten Job an, suche mir eine Frau, verliebe mich und heirate. Wir ziehen nach Dithmarschen in einen alten Bauernhof, eine Ruine. Sie ist eine Hexe und verflucht mich ständig, sodaß ich schon bald nicht mehr weiß, welche Form meine ureigene ist. Doch in meinen wunderhübschen Augen finde ich mich immer wieder, die bleiben sich gleich, die lassen sich nicht verhexen.
Als ich verhindern will, daß sie mir meinen Badezimmerspiegel nimmt, verlässt sie mich. Ich lebe bis zu meinem Tode in der Ruine, bis man mich endgültig wegschafft.
Es ist ein reiches Leben gewesen, mit vielen Irrtümern und Dingen, die ich nicht verstehe, aber voller Wahrhaftigkeit.

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Die Straße der Lieder (2)

Donnerstag, 4. September 2008 19:12

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“Hast Du gesehen, wie…”

Ich kann es nicht so recht sagen.

Draußen, bei den Auguren, wo sich Himmelspfeifer und Arzttöchter Gute Nacht wünschen und Schlüpfer tauschen, dort, dort wird es Dir geschehen! Dort wirst Du heimgesucht werden und es wird Dich langsam verzehren!

Dort, hinter dem schwarzen Denkmal, bei den Kieselsteinen, hinter der Parkbank, in der Einkaufstüte!

“Alles, was sie sagen, ist falsch.”

Oh, und hast du gehört, die alte Verkäuferin in dem vergessenen Laden ohne Schild, sie spricht eine alte Sprache, die es eigentlich nicht mehr gibt, und ihr kleiner Dackel mit Blähbauch, er spricht in Zungen, er kläfft Dir Wahrheiten über Dich ins Ohr, die Du lieber nicht hören wolltest, also nehme Dich in Acht, oder nimm Dir Ohropax mit.

Ich lag still im Park, bis es menschenleer war, ganz ruhig, zigarettenstummelgleich und irgendwann zeigten sie sich schüchtern, Gnohme, Buschgeister und kleine Drachen, an deren Flamme man sich kaum eine Zigarette hätte entzünden können. Es gibt nicht mehr viele von ihnen in den Städten, aber es gibt sie noch. Wenn man ganz still ist, ganz Baumwurzel wird, kann man sie spüren, kann man ihren wehklagenden Gesängen lauschen.

Du bist der lebende Beweis.

Dann gingen wir 1976 die Straße der Lieder hinunter Richtung Strand, der Hippie und ich, namentlich Rudlwig Morgenschöhn, und aßen unsere Hot-Dogs. Es war alles ganz vorzüglich hier.

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