Freitag, 19. September 2008 12:42


Der Kaffee am Morgen ist für manche Menschen Zeichen und Ritual des Tagesbeginns, für ihn bedeutet er Höhepunkt und gleichzeitig Ende des Tages. Danach sinkt er in sich zusammen und versackt in der Hiflosigkeit des Wohlgefallens. Er wundert sich nur kurz, dass es überall draußen so hell und laut ist, dann lässt er ab, und zu.
Eine lose Gruppe mehr oder weniger junger Leute, die alle hier in den Straßen wohnen und sich unregelmäßig begegnen, dabei folgen sie keiner Vereinbarung, an manchen Tagen trifft man Einen von ihnen, an manchen Tagen alle an einem Tisch, lesend, redend, rauchend. Die angehende Lehrerin, die früh am Morgen redet und raucht. Der Schreiber, oft alleine, Schiebermütze und Collegeblock.
Ein Anderer trägt meist schwarz, sitzt mit den unterschiedlichsten Gruppen am Tisch und trinkt Kaffee, am Tag dürfte er dabei auf mindestens 10 Tassen kommen. Manchmal sieht man ihn Nachmittags alleine auf seinem Mountainbike langsam durchs Viertel rollen, wie wartend auf den nächsten Morgenkaffee.
Und er sackt tiefer hinein und dann: Lass mich ruhig ausbluten.
Das Radio dudelt aus Plastiklautsprechen die unerträglich gewordenen Coldplay, dem Mann schiebt sich sein speckiger, behaarter Wanst unter dem Shirt hervor, kauend liest er die Morgenpost, ein Stück Tomate fällt auf sein Shirt. Draußen das Wetter, schon zwischen Sommer und Herbst.
Es gibt Orte, direkt nebenan, neben den lichten Plätzen, meist im Dunklen, keine Lampe scheint hell genug, um sie auszuleuchten, und so bleiben Fragmente, Ausschnitte, nie das ganze Bild. Dazu verändern sich diese Orte- Attribute, die sie umso interessanter machen. Es sind genau genommen keine Orte, sondern Wucherungen, die vor sich hin mäandern.
Um die Ecke, hinter der alten Feuerwache, gibt es eine Tankstelle, die scheinbar immer im Dunkeln liegt. Es gibt dort ein Gassenviertel, deren Gänge so eng und dunkel sind, das man nur gebückt und seitlich hindurchgehen kann, am Ende öffnet sich alles, direkt vor dem Wasser und dem Bootsanleger. Plötzlich ist alles hell und die Sonne gibt dem Wasser eine goldene Farbe und beleuchtet die Schwermut.
Rothschild führte mich durch seine Altenheimanlage. Er versicherte mir, die Roboter seien sozialer, gründlicher und zuverlässiger als menschliches Pflegepersonal. Er hätte sie eingesetzt, als offensichtlich wurde, daß immer weniger Menschen bereit waren, für das ausgesetzte Gehalt diesen Job zu tun. Und die Alten merkten es angeblich nicht.
Rothschild versprach mir, er würde mich zum Herzen führen, zum Kern dessen, worum es in der Welt ginge, und alle meine Fragen sollten sich unbeantwortet auflösen. Ich war neugierig. An das Bild vom Esel und der Karotte dachte ich dabei nicht.
Ich saß beim Portugiesen mit ihm. Er war lange nicht mehr unterm Fußvolk gewesen, hustete ob der schlechten Luft hier im Viertel, beim Berühren des Kaffeeglases bekam er augenblicklich Ausschlag auf der Stirn und seine Lunge pfiff. Seine hauchdünne, feine Kleidung zerfiel in diesem rauhen Klima. Er ertrug die Welt nicht mehr.
Uns gegenüber saß ein Mann in einem schwarzen Poloshirt, er trug eine wuchtige goldene U-Boot Uhr und eine Panzerfahrerbrille aus Titanstahl. Ich blickte unvermittelt auf seine Füße. Sie steckten in Sandalen mit feinen Lederriemchen und dünnen Sohlen. Sein linker Fuß wies sechs Zehen auf, ich zählte mehrmals nach. Er war Rothschilds Steuermann, auch ein Robot, wie die übrigen Angestellten.
Am nächsten Morgen trafen wir uns früh im Binnenhafen. Er lag dort mit seinem U- Boot vor Anker und benutzte es als Hausboot. Er hatte auf die mattgraue Beschichtung einen Sandhaufen schütten lassen, ein Beet angelegt und Gemüse ausgesät. Der schweigsame Robot lag in der Sonne auf einer Liege und schlief (?). Ein Panzer, der in der Nähe auf dem alten Güterbahnhof stand, diente Rothschild als Atelier.
“Kommen Sie.” forderte er mich auf, und ich kletterte umständlich ins Innere des Panzers. Von außen hatte er recht kompakt ausgesehen, im Inneren war ich erstaunt, wie geräumig er war. Rothschild malte momentan ausschließlich in schwarz, weiß und einem zarten rosa. Seine Bilder waren ausgezeichnet.
Dann verabschiede ich mich, nachdem wir die Formalitäten geklärt hatten, nicht ohne ein kleinformatiges Bild in meiner Jacketttasche verschwinden zu lassen. Etwas, was sich später als grober Fehler herausstellen sollte.
Nachts träume ich: Ich fahre mit meinem Vater in einem Auto an dem verlassenen Stadtviertel vorbei. Keine Menschenseele, dennoch ahne ich ganz deutlich die Geisterseelen im dunklen Inneren der Gebäude. Ein starkes Unwohlsein und die Ahnung von absoluter, immerwährender Einsamkeit. Und gleichzeitig: Diese Gegend ist verflucht und tot, und zwar schon sehr lange.
Am nächsten Morgen blicke ich aus dem Fenster: Es ist fast unmerklich Herbst geworden.
Später stehen wir einträchtig beisammen, oben, auf der alten Mühle, und blicken über die Ebene, es wird langsam dunkel, die Schafe, träge auf der Weide und dieser weite Himmel, mir bleibt fast das Herz stehen und meiner charmanten Begleitung geht es sicherlich ähnlich. Wäre es ein Film, hier würde er enden.
(Ich bin eine Gabel mit tausend Zinken, von denen nur einer echt ist. Ein Lied aus dunklen Gerüchen, die Deine Nase nicht riechen kann, komponiert von einem geschlechtslosen Melancholiker auf Rumkugeln. Ein Schild ohne Text, ein Buch ohne Ende, ohne Anfang, ich bin völlig unmöglich, blind, hellhörig, eine Mühle mit nur einem Flügel, ein Laden ohne Öffnungszeiten, ein Berliner ohne Füllung. Ich weiß zuwenig und tue zu viel, oder umgekehrt.)
Wir gehen vorsichtig die brüchige Holztreppe hinab und steigen in den Maserati. Ich gebe ihr einen Kuß, bevor ich die Maschine starte.
Im nahegelegenen Örtchen mieten wir uns in einem Hotel ein. Beim Blick aus den riesigen Fenstern über den Fluß bleibt uns abermals die Luft weg. Das Frühstück ist einfach, aber gut. Ob Rothschild uns schon auf den Fersen ist? Mein Jackett ist versaut, die Farbe war noch nicht trocken.
(Fortsetzung folgt)