Jammerbucht

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Ich war am Strand, meine Haare waren während der Monate hier sehr lang gewachsen, Schnecken hatten sich in ihnen eingenistet, ich war von ihrem Schleim überzogen und konnte kaum noch etwas sehen. Ich lag an einen Felsen gelehnt und ließ den Schleim trocknen, um ihn dann abzubröseln. Den Schnecken war es zu warm, sie platzten in der Sonne. Ihr Knacken war das einzige Geräusch abgesehen vom Plätschern der Wellen. Ich rannte ins Wasser und spülte mich ab.
Dann kraxelte ich den Hügel hinauf zum International Man. Er wohnte etwas abgelegen vom Rest der Campingplatzes in einem kleinen Wohnwagen, der bald vollständig zugewachsen sein würde, er hatte ein Vorzelt aus Tarnnetzen aufgebaut. Darunter stand ein Grill, dessen Rost so fettig und dick wie ein Steak war, und unzählige leere Carlsbergflaschen lagen herum. Ich trat zur Tür, die bereits mehrmals aufgebrochen worden war (Hatte er seinen Schlüssel nicht gefunden, oder waren es Einbrecher gewesen? Er behauptete, es wären Bierdiebe.), wollte gerade ansetzen zu klopfen, da kam er zur Türe hinausgewankt, mit einem Carlsberg in der Hand. Hello! rief er, und zeigte mir sein breites Grinsen. Er sah aus wie Brad Pitts großer, erfolgloser Bruder. Wir umarmten uns. Der International Man gehörte zu der Künstlergruppe The Falcons, er hatte in jeder Stadt auf der ganzen Welt eine Frau, die auf ihn wartete und eines oder mehrere seiner unzähligen Kinder hütete. Nun hatte er sich hierher zurückgezogen, um sich totzusaufen. Er ging zurück in den Camper, um mir ein Bier zu holen. Ich blickte durchs Tarnnetz gen Strand. In die weichen Wolkenberge ergoß sich warmes Spätsommerlicht und gab der Landschaft eine unendliche Milde. Ein eiskaltes, benetztes Bier schob sich in mein Blickfeld, dann das fette Grinsen vom Grinserman himself, und zuletzt sein kalter, stinkender Atem. Wir stießen an.
Was machte ich hier eigentlich? Mein Leben war doch kein gottverdammter Roadmovie. Wir tranken das Bier und lachten. Wir saßen auf seinen dreibeinigen Campingklappstühlen, sahen den Sonnenuntergang, der mir Tränen in die Augen trieb. Ich blickte zum International Man. Er döste vor sich hin. Sonnenuntergänge sind Peanuts, würde er sicher sagen. Spät verabschiedete ich mich. Wir umarmten uns. Er küsste mich auf die Wange. Ein Kuß, den ich noch Jahrzehnte später spüren konnte.
Am nächsten Morgen packte ich früh mein Fahrrad, schnallte meinen Fahrradhelm auf und fuhr gen Ausgang, um mich abzumelden und zu bezahlen. Es reichte. Der International Man saß jedoch bereits am Tisch vor dem Kiosk, mit einem Carlsberg. Ich rief ihm ein Goodbye zu und lächelte. Ich hatte nicht erwartet, daß wir uns noch einmal begegnen würden. Er sagte nur: “Take of that helmet, it looks stupid.”

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Autor: nordstrand
Datum: Samstag, 4. Oktober 2008 12:06
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10 Kommentare

  1. 1

    hehe. ich erinner mich an seinen satz aus deinen erzählungen.

  2. 2

    Toller Beitrag, Danke dafür. Kennste Frank Schulz? Der muss bei Dir ums Eck wohnen…

    PS Setz’ doch mal Leerzeichen nach Punkt und Komma. Looks even better!

  3. 3

    Uih, sehe gerade, das liegt am Schrifttyp…

  4. 4

    ^ Ja, genau. Hast du einen Anderen eingestellt?? Frank Schulz? Nie gehört.

  5. 5

    über den schrifttyp habe ich mir auch schon sorgen gemacht.

  6. 6

    Pardon, die Sorge über Schrifttypen kommt aus der Zeit als Bestsellerautor, und hat einfach nicht lockergelassen. Ja, schmerzhafter Mitarbeiterschwund, und man muss sich Sorgen um die Energiewirtschaft machen.

  7. 7

    Hm, das wundert mich doch jetzt etwas mit den Schriften. Muß ich mir dann mal auf nem PC anschauen und evtl. ändern, wenns geht.

    Und wer ist jetzt Frank Schulz, arnie??

  8. 8

    Kieck mal hier:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Schulz_(Schriftsteller)

    Schreibt auch gut.

  9. 9

    Ah ja, Ouzo Orakel. Wollte ich schon immer mal lesen, diese Hagen-Trilogie. Lohnt sich also??

  10. 10

    Ja, lohnt sich sehr. Ich empfehle Dir den Einstieg in über Band 2, ‘Morbus Fonticuli’. Kann ich Dir senden.

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