S-Bahn-Wesen,U-Bahn-Wesen,nie gewesen

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Diese Zeiten sind düster, wer wollte das bestreiten? Woher rührt mein Lächeln, meine Freude? Sicher nicht aus dieser Welt. Wer diese Zeiten als edel, spaßig und glamourös emfindet, hat entweder Hornhaut, eine verschnupfte Nase oder Geld. Aber war es nicht schon immer so gewesen?
Ich saß in der Bahn und klopfte mit meiner Hand einen simplen Takt auf dem Nebensitz. Bum Bum Bum. Dance to the Beats of Silence. Eine ältere Dame machte Anstalten sich zu setzen. Ich beendete die Musik, machte Platz und nun war Stille. Abgesehen von einem Mobilfunktelefonat, dem Kreischen der Bahn und mehreren quäkenden Kopfhöhrern. Die angeschlossenen Menschen saßen reglos da, starrend, während die Töne in ihre Ohren gehämmert wurden.
Mein täglicher Lieblingsaufreger sind die Leute, die sich auf dem Vordersten der Sitzbänke niederlassen, um den Nebenplatz zu blockieren, selbst bei Berufsverkehr und voller Bahn. Oder durchrücken, aber den Platz neben sich mit diversen Plastiktüten vollstellen. Widerwillig räumen sie diese weg, macht man Anstalten sich zu setzen. Eine tiefe, nutzlose, innere Wut hege ich auf dieses Verhalten, und sie wird täglich aufs neue angeheizt. Es ist nicht Rücksichtslosigkeit oder Mutwilligkeit, es ist einfach Stumpfheit. Und vielleicht noch nicht einmal das. Genausowenig verstehe ich die Personen, die im Gang stehen bleiben, anstatt Anspruch auf eben diesen freien Sitzplatz anzumelden. Wie wenig ist man sich wert, daß man nicht einmal sein Recht auf einen Sitzplatz einfordert? Manchmal frage mich jedoch, ob ich nicht verquer bin und diese Dinge völlig vernünftig geregelt werden, vor Ort.
Gestern las ich, daß die Fahrkartenkontrolleure ein Minusgeschäft für den Hamburger Nahverkehrsverbund seien. Ich bin immer wieder phasenweise schwarzgefahren in Hamburg, ich schätze ich wurde in 10 jahren ungefähr vier Mal erwischt. Das letzte Mal ist nicht lange her, vor einigen Monaten. Ich hatte mir eigentlich angewöhnt, Tickets zu kaufen, weil es sich entspannter fährt, an diesem Tag war ich allerdings in einer Trance und war völlig überrascht, als uniformierte Kontrolleure einstiegen. Ich stand auf und wollte aussteigen, sie hielten mich zurück. Auf dem Bahnsteig umzingelten sie mich, ich versuchte auszubrechen. Es war absurd. Ich schimpfte. Ich fühlte mich um Jahre verjüngt. Leute starrten mich an im Vorbeigehen.
Ich fahre jetzt seit über zehn Jahren S- und U- Bahn und bin doch kein Profi geworden.
Meine Blicke schweifen durchs Abteil, betrete ich einen Wagen. Ich sehe Menschen, die wie Welten auf mich wirken, die Oberfläche ihrer Körper, das, was sie der Außenwelt präsentieren müssen oder wollen, sind sie auch noch so herausgeschmückt, einbalsamiert und parfümiert. Eine einzige namenlose und endlose Erzählung, Lieder und Gedichte lassen sich an ihnen ablesen wie von selbst. Eine unheilbare und namenlose Krankheit. Die Luft, die wir teilen, das Licht des Tages, welches uns Namen, Form und Grenzen zuweist. Von den Gerüchen ganz zu schweigen. Ohne mein Zutun stellen sich Bilder und Gefühle ein, als wäre ich ein Seismograph.
Die meisten Mitinsassen wirken profihaft in ihrer Selbstbezogenheit, jegliche Neugierde an den Mitfahrern scheint vergangen. Oder ist es ein Schutz vor ihren lautlosen Erzählungen? Eine stille Übereinkunft gar? Wie lange fahren sie schon? Dreißig, vierzig, fünfzig Jahre? So alt sind manche von Ihnen noch nicht. Und wieder Zweifel an meiner Wahrnehmung. Es scheint ja in diesen Zeiten so zu sein, daß man beständig an seiner Wahrnehmung zweifelt. Ist das wirklich gerade dagewesen?
Neulich beim Bahnfahren fiel mir auf, dass ich hoffte, nur wußte ich nicht, auf was. Allein, die Hoffnung hing wie eine alte Quitte im Herbst im Raum meines Bewußtseins, ohne Ziel pulsierte sie warm und träge vor sich hin, traurig, dass sie kein Objekt hatte und wie wartend auf ihre Auslöschung.

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Autor: nordstrand
Datum: Freitag, 24. Oktober 2008 14:25
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6 Kommentare

  1. 1

    Wunderschön, Danke.

  2. 2

    Schön, dass du hier reinschaust, Tobias.

  3. 3

    Sehr gut, das Platzproblem … schön geschildert… Vermute auch, dass das ‘vor Ort’ sinnvoll geregelt wird und sich dahinter evolutionärer Tiefsinn verbirgt, der von einem zukünftigen Nobelpreisträger ‘Spieletheorie’ noch ans Tageslicht zu heben ist. Bis dahin kann man sich nur weiterwundern… Liegts vielleicht daran, dass die Züge so saublöd bestuhlt sind? So setzt sich doch sonsts keiner freiwillig hin? Und was soll denn das Schwarzfahren, tss tss..

  4. 4

    Frisch-Kühle-melancholische-nebelige Gefühle, sehr tief.

  5. 5

    Manchmal frage mich jedoch, ob ich nicht verquer bin und diese Dinge völlig vernünftig geregelt werden, vor Ort.

    ja, ich mich auch….

    wunderschöner text ;-)

  6. 6

    Ich danke Euch.

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